Irgendwo / Nirgendwo (Eine Geschichte mit Schlag)

Irgendwo da draußen schlägt ein Herz einen unregelmäßigen Rhythmus an, stockt schließlich ganz und gibt einer Seele die Möglichkeit, aus ihrer erbärmlichen Hülle zu fliehen.

Der Körper, nun leblos, ist nur noch eine leere, schlaffe Hülle, die bald die verzerrten Züge der Leichenstarre tragen wird. Trauer- und Testamentbeteiligte jammern und klagen am Sterbebett, während sie das Erbe kalkulieren und sich ausrechnen, wie viel der Trauer angemessen und würdig erscheint.

Irgendwo dort oben sitzt ein untersetzter Herr auf einer Wattewolke, lässt die Seele in sein Büro bitten und blickt in ihr tiefstes Inneres, um zu prüfen, ob sie für das Paradies hinter dem Schuppen bereit ist und auch die notwendigen Formulare korrekt ausgefüllt hat.

Irgendwo da unten wartet ein anderer Herr darauf, dass die Seele dem da oben als unwürdig erscheint, und säubert sich nebenbei gelassen seine Fingernägel mit einer scheußlichen Pieke.

Er rückt sein Hinterteil auf einem roten Samtkissen bequemer zurecht und zieht die ihm angenehm warme Temperatur von 180 Grad durch seine enormen Nasenflügel ein.

Dazwischen zischen ein paar geflügelte Kastraten hin und her und erzählen komische Dinge über Himmel und Hölle, damit sich die Herren über irgend etwas amüsieren können…

…und…

Mittendrin sitzt der Mensch in seiner Kirche, friert sich den Arsch beim Beten ab und hat vor lauter Angst die Hosen voll, weil ihm sein Arzt von steigendem Herzinfarktrisiko erzählt hat.

AMEN

Sybille Lengauer
aus: Luftruinen-Ausgabe 4, Frühling 2009, siehe Archiv

Wieder natürlich

Wenn ich Bäume sehe,
denke ich an Dich,
denn wegen Dir
stehe ich im Wald.

Wenn ich Gras sehe,
denke ich an Dich,
denn wegen Dir
läge ich gern drunter.

Wenn ich einen Bach sehe,
denke ich an Dich,
denn wegen Dir
gehe ich diesen runter.

Jörg Siegert
aus: Luftruinen-Ausgabe 4, Frühling 2009, siehe Archiv

Frühling

HER GÜN UMUTLA PAZARLIK YAPMAK…
(Jeder Tag ist ein Deal mit der Hoffnung)

Es sollte anders werden. Der Frühling, Hausbesetzer alten Schlages, war in den Norden eingestiegen, riss ihm sämtliche Fenster auf und hätte noch fast die Zukunft instandbesetzt, wären da nicht einige Nächte aufmarschiert mit ihrem tiefsten Blaulicht und Schlagstöcken aus Wind und hätten sämtliche Ansichten geräumt. Doch der Frühling kam wieder mit seinen sonnigsten Kumpels und Kumpaninnen, den prächtigsten Mittagen, ellenlange Bekannte, die beinah von früh bis spät reichten. Und während sie den Straßen ins Kreuz fielen, wurden den Gärten die buntesten Graffitis gesprüht.

Aufs neue ist frisches Licht eingetroffen, die Ferngespräche beginnen gleich hinter dem Bahnhof. Telefonzellen wie frisch gestimmt, die Luft entgratet & im Spiegelglas der Sonnenbrillen zeigt der Tag erste Kurzfilme. Die Sonne fällt dem Himmel um den Hals, dass er blau anläuft davon. An Grünflächen und Bäumen entlang, den Zweigstellen städtischer Gesichtspflege, hat irgendein Griff die Wärme entkorkt. Von Park zu Park prosten sich Vögel zu mit diesem Jahrgang. Auf alteingesessenen Bänken legen sich Hände ineinander, Anhänglichkeiten sammeln sich in allen Sprachen, schenken noch mal nach, voll von liebengebliebenem Gefühl, dem menschlichsten aller Fossilien.

Stadt, glänzend mit funkelndem Asphalt, etwas Pflasterstrand und mehreren Reichtumsinseln, der ganze Großalarm mit grell aufblitzenden Fenstern, wenn der Himmel die Lichthupe drückt, und Parkanlagen, an denen sich die Helligkeit erdet. Während ringsum die Suche nach Neuland beginnt, die Phantasie von Blinkgeber bis Anlasser startet, was los ist, auf Blickfang und Lippensuche künftigen Nistplätzen entgegen. Niemand kämmt heute das Gras gerade. Und der Frühling feuert noch immer wie verrückt seine Kollegen an, die heimlichen Hoffnungen und Enttäuschungen. Sie samt und sonders machen Überstunden, dass es eine reine Fotosynthese ist.

Ein Shampoowechsel weiter ist Samstag. Samstag, das ist der Parkplatz zum Sonntag. Hier werden Autos entstaubt, Motorhauben mit Politur gesalbt, allerlei Wirtschaftswunder in Position gebracht. Strenge Besitzerblicke walten ihres Amtes und befehlen Putzlappen an vordersten Chrom. Die Bäume hängen Blätter hoch an ihre Wäscheleinen. Und folgerichtig kommt er, der Sonntag mit einem vom Typ her anderen Nachmittag, made in Germany, eher ein Familienmodell mit gutgepflegten Bräuchen, reihenweise Spaziergängen und fein abgestimmten Vorsätzen für Montag. Doch das ist eine andere Atmung.

Ralf Burnicki
aus: Luftruinen-Ausgabe 4, Frühling 2009, siehe: Archiv

SÜDKURVENSLALOM. Heute: Der Hennes-Faktor.

Ball ist rund.
Spiel dauert 90 Minuten.
Alles andere ist Theorie…

Nenenenene. Was ist bloß mit den Kölnern los? Im eigenen Stadion der absolute Kracher, auswärts dagegen jedesmal ´ne Katastrophe. Letztes Wochenende zuhause Hannover vier zu null weggeputzt; und dieses Wochenende in Hamburg gnadenlos zwei zu sechs verloren.
Das gibt zu denken. Zuhause nur Jubel, auswärts nur Kummer. Wer aber steht im kölschen Heimstadion bei jedem Spiel am Spielfeldrand, zeichnet sich auswärts jedoch durch notorische Abwesenheit aus? – Genau:
Der Hennes.
Kann das sein? Das wäre dann der Hennes-Effekt: kein Hennes – kein Sieg. Das wäre dann so ähnlich wie bei Erwin Schrödinger. Der hat mal herausgefunden, dass ein Experiment, also ein wissenschaftliches, anders ausgeht als sonst, bloß weil einer zukuckt. Kuckt einer zu, geht´s anders aus, als wenn keiner zukuckt. Klingelt´s?
Kuckt Hennes zu, gewinnen sie. Kuckt der Hennes nicht zu, verlieren sie. Der Hennes-Faktor, streng wissenschaftlich abgeleitet von Schrödinger. Der hat für seine Erkenntnisse sogar ´nen Physiknobelpreis gekriegt.
Fußball ist eben auch eine Wissenschaft. Quod erat demonstrandum, wie man so sagt.
Dieses Kölsch oder wie das heißt ist aber auch so was von lecker…

Robert Martschinke, 19.03.2011
zur Zeit nicht in der Printausgabe veröffentlicht

SÜDKURVENSLALOM. Heute: Die Psyche vom Hennes oder: Shakespeare in der Südkurve oder: Warum wir heute keine Schalker mehr werden. Oder so ähnlich.

Ball ist rund.
Spiel dauert 90 Minuten.
Alles andere ist Theorie…

Als Fuballfan macht man sich ja schon angelegentlich so seine Gedanken. Nicht nur übern eigenen Verein.
Der Hennes zum Beispiel. Der Hennes ist Ziegenbock und das Maskottchen vom 1. FC Köln.
Was der Hennes sich wohl denkt, wenn er alle zwei Wochen neben ´ne Wiese gestellt wird, wo dann elf Typen in Rot auflaufen und nochmal elf Typen in irgendeiner anderen Farbe und danach zweimal 45 Minuten kreuz und quer über besagte Wiese rennen, mit ´nem Ball?
Kann man den Hennes ja auch jetzt nicht so direkt fragen. (Kann man schon, bringt nur nicht viel.) Aber wenn man dem Hennes mal so richtig tief in die Augen schaut, wenn sie ihn kurz vor Spielbeginn von ganz nah filmen, also sein Gesicht, und der Hennes kuckt dann von der riesengroßen Stadionleinwand so in Großaufnahme auf einen runter… – Da fragt man sich schon, was der Hennes sich jetzt gerade wohl so denkt.
Kein Wissen gibt´s, der Seele Bildung im Gesicht zu lesen, wie schon William Shakespeare den König Duncan in seinem Macbeth sagen lässt.
Als die Spieler auflaufen, spielen sie über die Stadionlautsprecher Lady Gaga. Pokerface.
Köln gewinnt an diesem Tag 4:0 gegen Hannover und überholt Schalke.
Hennes hinterlässt am Spielfeldrand genau vier daumendicke Köddel.

Robert Martschinke, 11.03.2011
zur Zeit nicht in der Printausgabe veröffentlicht

VERTIGO – oder: Japaner sind nicht bibelfest

Samstag, 01.01.2011
Um den Zustrom „illegaler“ Einwanderer aus Afrika in die EU zu stoppen, plant die Regierung Griechenlands, die Landesgrenze zur Türkei nach US-amerikanisch-mexikanischem Vorbild komplett abzuzäunen. Für irgendwas muss die ganze Kohle aus dem Euro-Rettungsschirm ja schließlich ausgegeben werden.
Nichts jetzt gegen Ausländer; schon gar nicht die aus Afrika; mit denen ist es nur letztendlich wie mit den Nazis: in Kleingruppen ganz sympathisch; aber wenn sie gebündelt auftreten: Prost Mahlzeit.
Dann zeigt Deutschland wieder sein wahres Gesicht. Und wer will das schon sehen…

Montag, 03.01.2011, 7 Uhr morgens
Endlich wieder arbeiten. Scheiße. Völlig den Rhythmus verloren über all diese mittelalterlichen Feiertage.
Endlich wieder Steuern zahlen. Damit die Merkel dem Ackermann lecker Schnittchen machen kann.
Da weiß man wenigstens, wofür man morgens aufsteht.
Für Deutschland.
Für die Menschen.

Montag, 03.01.2011, 7 Uhr abends
Kriegsdienst ade. – Die Bundeswehr hat ihre letzte Zwangsrekrutierung begangen. Entsprechend angepisst sind die Rekruten. Kopf hoch, Jungs! – Sind doch bloß noch sechs Monate. Und in fünfzig Jahren könnt ihr euren Enkeln erzählen, wie ihr mal von nichts anderem als von impotenten, unzurechnungsfähigen, rassistischen Idioten umgeben wart.
Oder ihr verpisst euch nach Afghanistan und sorgt dafür, dass eure schützenswerten Landsleute auch in Zukunft billig tanken können.

Sonntag, 23.01.2011
Sylvester reloaded: In Becherbach, einem ansonsten völlig bedeutungslosen Kaff in Rheinland-Pfalz, hat die Polizei mehrere Tonnen illegal gehorteten Sprengstoff gezündet. Kontrolliert, auf einem Acker. „Pulver-Kurt“, ein zweiundsechzigjähriger Rentner, hat über Jahrzehnte unbemerkt fleißig gesammelt und gebunkert.
Wieso ist eigentlich seinerzeit die Sauerland-Gruppe aufgeflogen?
Vermutlich wegen der Bärte.
Gott schütze uns vor der Polizei…

Mittwoch, 26. Januar 2011
Letztes Jahr die Katholische Kirche, dieses Jahr der Kommiss. – Auch bei der staatseigenen Studentenverbindung für Hauptschulabbrecher geht´s angeblich plötzlich drunter und drüber.
Dabei weiß jeder ehemalige Rekrut: Die Bundeswehr ist zum Saufen da, und das einzig Lebensgefährliche ist der Kamerad, der seine Waffe reinigt.

Donnerstag, 27. Januar 2011
Holocaust-Gedenktag.
Auch ein Grund zum Saufen.

Dienstag, 8. Februar 2011
Die Merkel sieht auch jeden Tag beschissener aus. Hat’s aber auch nicht leicht, die Arme. Ständig hacken irgendwelche verpeilten Arschlöcher auf ihr rum, denen Menschen und ähnlicher Scheiß wichtiger sind als Kohle und Macht, die doch nur versucht, diesen Saftladen namens BRD irgendwie am Laufen zu halten. (…und ja: Dieser Satz ist grammatikalisch korrekt.) Wenn bloß nicht immer diese scheiß Wahlen wären.
Das ist der Vorteil in Diktaturen: Die Volksvertreter können sich konzentriert dem Wohl des Volkes widmen, ohne ständig den Fascho raushängen lassen zu müssen, um vom gemeinen Janhagel nochmal wiedergewählt zu werden.
Die Tunesier wollen jetzt auf dieses Privileg verzichten. Die Ägypter auch. Und noch so manch anderes Völkchen im nichteuropäischen Mittelmeerraum.
Wer mal eine Ahnung kriegen will, was da hinten bei rauskommt, dem sei ein Blick in die bundesdeutsche Geschichte gewährt.
Als auf den Trümmern der Hitler-Diktatur die Bundesrepublik Deutschland erbaut wurde, wurde peinlichst genau darauf geachtet, daß keine ehemaligen Nazi-Kader mitmischten. Alle Volksvertreter werden seither streng demokratisch von einem sorgsam entnazifizierten, friedliebenden Volk gewählt. Die Information des Wählers wird seitdem von einer freien Presse gewährleistet, allen voran Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung. Durch all diese Vorteile der verfassungsgegebenen Demokratie haben wir heute eine Regierung, die man sich als denkender Mensch bestenfalls als Notbesetzung fürs RTL-Dschungelcamp vorzustellen vermag.
Einen verpeilten, verlogenen, gierigen und skrupellosen Demagogen in die Wüste zu schicken, mag an sich ´ne feine Sache sein. Aber wählt anschließend erstmal einen Besseren.

Donnerstag, 03.03.2011
Der Kriegsminister hat bei seiner Doktorarbeit geschummelt. Dieser Lümmel. Geschenkt. Macht ihn auch nicht sympathischer.
Die Hartzies kriegen acht Euro mehr. Auch geschenkt. Irgendwie.
Acht. Aufn Kopp. Keine Centbeträge. Geil, oder? Muss am Euro liegen. Ist echt ´ne Bombenwährung.
Deutschland: auch 2011 eine einzige Beleidigung für den gesunden Menschenverstand.
Das ist wiederum das Gute an den Volksaufständen in Ägypten und Umgebung: Die Abendnachrichten sind voller Ausland, kaum noch Platz fürs bundesdeutsche Politgewürge.

Sonntag, 13.03.2011
Das ist Wasser auf den Mühlen aller Atomkraftgegner: Nach dem Monster-Tsunami droht in japanischen AKWs die Kernschmelze. Der Super-GAU.
Da freuen sich die Anti-AKWler. Weil sie jetzt wieder mit dem Finger wedeln und sagen können: Jaja, wir haben´s ja immer gesagt…
Aber auch andere freuen sich. Die Merkel zum Beispiel. Seit das Land der Kirschblüte in Trümmern liegt, ist wenigstens das BUNTE-Covergirl mit der gefälschten Doktorarbeit aus den Schlagzeilen raus. Und Atom-Merkel, die letzten Herbst noch der gesamten Kernkraftbranche bis zum Verschwinden in den Arsch gekrochen ist, macht sich plötzlich Gedanken über die Sicherheit der AKWs in Deutschland.
Und auch die deutsche Wirtschaft freut sich, ist sie doch ab jetzt wieder bis auf weiteres die drittgrößte der Welt.
Die Japaner tun einem natürlich schon ein bißchen leid. Auch der Merkel. Aber wie heißt es schon in der Bibel: Du sollst dein Haus auf festem Boden bauen.
Das gilt erst recht für AKWs.

Robert Martschinke
zur Zeit noch nicht in dem Printmedium veröffentlicht

Und dann war da noch…

…Muammar Gaddafi, über den wir uns an dieser Stelle vor ziemlich genau einem Jahr schon mal Gedanken gemacht haben. Muammar erlebt gerade den bösesten Alptraum eines jeden Diktators: vom eigenen Volk gefickt zu werden. Und jetzt findet ihn auf einmal auch die UNO scheisse.
Tja, Mummi. Undank ist der Welt Lohn. Gestern noch Kamelstutenmilch mit dir gesoffen, und heute fordern sie deinen Kopf. – So ist er, der Westen. Damit du das nicht falsch verstehst: Wir finden dich auch weiterhin dufte. Mann, was haben wir gelacht. Aber du bist leider nicht mehr kreditwürdig. So einfach ist das. Ist echt nicht persönlich jetzt.
Scheiss Kapitalismus.
Du sagst es.

Robert Martschinke
zur Zeit noch nicht in einer Printausgabe veröffentlicht

Vertigo – März01

Den sogenannten „Linken“ geht’s doch letztendlich nur um Randale. Hat man ja neulich in Dresden wieder gesehen.
Oder wie zuletzt in Ägypten.
Linke Muselmanen. – Daß ich nicht lache. Und was haben sie da mit ihrer Randale bewirkt? – Das Militär musste die Regierungsgeschäfte übernehmen. Bravo. Reihenweise selige linke Gesichter.
Hierzulande ist es ja Gott sei Dank noch nicht so weit. Da beschränken sie sich darauf, Castor-Transporte unnötig zu behindern, was nur Steuergelder kostet, die sie selbst selbstverständlich nicht zahlen. Oder sich sehenden Auges in Märtyrerpose vor ihretwegen auf Steuerzahlerkosten aufgefahrene Wasserwerfer zu werfen, wenn ein maroder schwäbischer Bahnhof renoviert werden soll.
Sei’s drum. Was die Linke in Deutschland zu melden hat, sieht man ja an der Partei gleichen Namens. Die wissen auch nicht, was sie wollen. Außer Randale natürlich.
Ist mal wieder wie beim Fußball: Es gibt die friedliebenden Zuschauer, die bloß ihre Mannschaft spielen sehen wollen; und es gibt die unbelehrbaren Hooligans.
Nicht nur beim FC Bayern München geniessen notorische Hooligans Stadionverbot. So weit sind wir auf Bundesebene leider noch nicht.

Dann lässt man sich mal auf eine sogenannte „Diskussion“ mit so einem Hool… ach, ne: „Linken“ ein, und dann heisst es: Kapitalismus ist scheisse. Imperialismus ist scheisse. Und Gewalt ist total scheisse, und am scheissesten ist sie natürlich, wenn sie vom bösen Staat ausgeübt wird.
So’n Linken möcht‘ ich mal sehen, wenn er’s mit ’ner Gruppe schlecht gelaunter Nazis zu tun bekommt. – Wie laut der plötzlich nach der Polizei schreit…
Und natürlich kaufen Linke nicht bei ALDI oder LIDL ein. Fressen keine Bananen aus Nicaragua. Und tanken an der Tankstelle nur in Deutschland geförderten Sprit. Und freuen sich wie Bolle über jeden aus dem kapitalistischen Knast befreiten Kinderficker, der in der Nachbarschaft einzieht.
… Aber die kapitalistische Regierung ist ja so was von verlogen.

Also bitte.

Am schlimmsten sind übrigens die sogenannten „Marxisten“. Derer Hauptkritikpunkt am sogenannten Kapitalismus: die sogenannte „Akkumulation des Kapitals“. Einzige für den Marxisten vorstellbare Gegenmaßnahme: die sogenannten „Produktionsmittel“ den sogenannten Arbeitern zum Besitz zu machen.
Dann gehört dem Chirurgen das Skalpell. (Hoffentlich putzt und schleift er es auch regelmäßig.)
Jeder Nutte gehört ein halbes Bett im Bordell. (Immer frisch bezogen.)
Und jedem, der für RWE in einem Callcenter schuftet, gehört eine Handvoll Brennstäbe aus einem halben Dutzend Atomkraftwerke.

Prost Mahlzeit. Es macht durchaus Sinn, daß manche Menschen anderen was zu sagen haben. Wer behauptet, daß wir nur von Idioten regiert werden, sollte mal in eine Klapse gehen. Und wer behauptet, daß Kapitalismus scheisse ist, darf mir gerne sein Geld schenken. Ich nehm‘ auch Kleinstbeträge.
In Ägypten haben sie Mubarak weggeekelt. Dann kam Guido Westerwelle, um zu gratulieren.
Weg war’s, das selige Lächeln.
Ihnen schwant noch gar nicht, was ihnen jetzt blüht…

***

Alldieweil erregt sich ganz Deutschland über den Kriegsminister. Daß der eigentlich viel zu blöd ist für ’nen Doktortitel, stand ja schon lange fest. Daß er lügt wie gedruckt auch. Schwamm drüber. Die Deutschen haben ihn trotzdem lieb. Sagt BILD. Da zeigen sie Größe, die Deutschen. Fragt sich nur, worin.

Robert Martschinke
zur Zeit noch nicht in einer Printausgabe veröffentlicht

Die Packungsbeilage Frustirizin 20/10 + Zeh©

Gebrauchsinformation für den Anwender
Lesen Sie die Packungsbeilage sorgfältig durch und denken Sie an diese Sache mit Ihrem Arzt oder Apotheker.

Was ist Frustirizin 20/10 und wofür wird es eingenommen?
Frustirizin 20/10 ist ein Lebens-Schmerz stillendes, Daseins förderndes und Freude erweiterndes Zeitgeist-Allergikum und Antidepressivum. Es enthält Lach-tose, hochdisperses Spass-Sulfat, Grins-Oxyd, Jux und Toleranz sowie einen transplantierbaren großen Zeh für alle, denen das Leben mal wieder so richtig auf die Füße getreten ist.

Anwendungsgebiete
Zur Behandlung von Symptomen krankhafter Verkleinerung der Zukunftsaus-sichten, chronischer Politikverdrossenheit, degenerativer Selbstverwirklichungs-Chancen und Überempfindlichkeit gegenüber Allem und Jedem.

Was müssen Sie vor der Einnahme von Frustirizin 20/10 beachten?
Frustirizin 20/10 darf nicht eingenommen werden von Frohnaturen, Ignoranten, Clowns und allen Personen des öffentlichen Lebens, die nachts ohnehin vor Lachen nicht in den Schlaf kommen. In vergleichenden klinischen Studien ergab sich kein Hinweis auf die Beeinträchtigung der Verkehrstüchtigkeit in gefestigten Zweier-Beziehungen, wo es hernach zu Schwangerschaften und Stillzeiten kommen kann. Das bedienen von Maschinen sowie das Führen von Wirtschaftsunter-nehmen sollte vermieden werden.

Wie ist Frustirizin 20/10 einzunehmen? (Dosierung)
Erwachsene nehmen 3 x täglich nach den Mahlzeiten auf nüchternen Magen eine Spiel-Filmtablette unzerkaut, vorzugsweise mit dem Saft von drei bis vier Gläsern Whiskey ein. Für Kinder und Jugendliche mit noch unbeschadetem Optimismus ist das Mittel ungeeignet, da es zu einer massiven Überdosierung führen kann.

Dauer der Anwendung
Bis zum Zeitpunkt, in dem Sie zu Staub zerfallen, sollte das Präparat nur nach Anweisung des behandelnden Arztes abgesetzt werden. Im Vollrausch sowie bei katatonischen und komatösen Zuständen können die Einzeldosen reduziert werden, ebenso bei Verlassen des Planeten.

Zusammensetzung
Frustirizin 20/10 kann eine oder mehrere der folgenden Substanzen enthalten:
Klebstoff, Crack, Exstasy, Alcopops, Jägermeister, Pizza Funghi, Happy Meal, zerkleinerte Comedy-DVDs, Spurenelemente von Tennissocken, bunte Farbstoffe, Surfbrett-Lack und Cool Water.

Wechselwirkungen mit anderen Mitteln
Untersuchungen zeigen, dass die Wirkung von Frustirizin 20/10 sich dauerhaft verstärken kann, wenn es zusammen mit Alkohol oder Cannabis eingenommen wird. Bei der Einnahme sollte man vorteilhafte Kleidung tragen, da beim Betrachten unansehnlicher Personen viele Patienten nicht selten eine rapide nachlassende Libido verspüren.

Nebenwirkungen
Kopfschmerzen, Herzrasen, Atembeschwerden, Lachflash, Schlaflosigkeit, Übel-keit, Verwirrungszustände, Halluzinationen, Tinitus, Schwindelgefühle gegenüber Politikern. Sehr häufig können Weinkrämpfe auftreten, selbst wenn Sie’s bis in den Recall geschafft haben.
In der Regel lässt das Mittel Sie grinsen wie ein bananengroßer Joint und dreht in Ihrer Welt alles um 180° oder ordnet es neu. Es kann sich gelegentlich aber auch unerwartet ein Gefühl der Einsamkeit, der Verlorenheit oder absolut geistiger Leere einstellen, was meist darauf zurück geführt werden kann, dass Sie gerade keinen Partner haben oder darauf, dass Sie einen haben. Nutzen Sie diesen Zeitpunkt, um einen Text zu schreiben – Titel: „Suizid ohne Reue“ – oder ein Parteiprogramm.
Die Einnahme kann in rechten Kreisen zu tolerantem Rassismus führen. Anfällige Patienten waren darauf überwiegend erfreut, sich kennen zu lernen.
Bei großer Hitze kann es zu schizoiden Persönlichkeitsstörungen kommen, die Sie glauben machen wollen, Sie seien ein Flash Mob oder ein Gefährte des Herrn der Finsternis, der selbst George W. Bush in eine mildes Licht taucht.
Eine Langzeitstudie zeigte, dass das Interesse am anderen Geschlecht sich abrupt soweit ins Gegenteil kehren kann, dass Sie sich selbst Top-Models schön saufen müssen. Jedoch ist Alkohol auch keine Lösung, sondern ein Destillat.
In Einzelfällen kam es zu überdurchschnittlich guter Blutzufuhr, die Männer in die Lage versetzte, Gehirn und Penis gleichzeitig zu benutzen. Dieser Umstand reichte dann entweder für einen Quickie oder die vollen 2 Minuten.
In Ausnahmefällen konnten Patienten Kraft ihrer Gedanken Wasser zum Kochen bringen.
Häufig konnten neben Pusteln und Hautrötungen auch Tathergänge und Vogelflug beobachtet werden.
Die Patienten einer Kontrollgruppe schliefen nach Einnahme des Mittels so gerne, dass sie sogar begannen, vom Schlafen zu träumen.
Personen, die unter Unentschlossenheit litten, waren sich nach Einnahme des Mittels nachher nicht mehr so sicher. In häufigen Fällen entschieden sich Patienten bei der Wahl zwischen zwei Übeln für das jüngere und hübschere.
Mitunter kann es beim Lesen der Zeitung oder bei den Nachrichten zur zwanghaften Wiederholung der Worte „Shit“, „Fuck“ oder „Nä, ne?“ kommen.
Es besteht die Möglichkeit, dass Sie heftiges Verlangen überkommt, während einer politischen Rede als Zuhörer immer wieder laut: „Helau!“ zu rufen oder den Tusch „tätä-tätä“ mittels Stimme zu imitieren. In diesem Fall siedeln Sie ins Rheinland um und ziehen sich einmal jährlich zum Lachen Uniformen an.
Zu einer Jahrtausendwende kann es zu Nachdenklichkeiten kommen. Viele Patienten kamen zur Einsicht, dass Minderwertigkeitskomplex von „minderwertig“ kommt.
Manche Patienten langweilten sich beim Thema „Sterbehilfe“ zu Tode.
An Wochenenden kann sich derart extreme Besinnungslosigkeit einstellen, dass ein Blackout im Vergleich dazu ein Sonnenaufgang ist.
Bei verschiedenen Versuchsgruppen stellten sich Magenwinde und Blähungen von einer Größe ein, die vom Wetterdienst mit eigenen Namen bedacht werden mussten.
An Freitagen, die auf den 13. fallen, kamen Patienten nach der Medikation zur Überzeugung, dass Aberglaube Unglück bringt.
Nach Einnahme stellt sich sehr häufig ein unstillbares Verlangen ein, die Dosis sofort zu erhöhen. Kämpfen Sie mit aller Macht dagegen an und lassen sich notfalls von einem Freund mit Handschellen an schweres Wohnzimmermobiliar fesseln, das nicht durch die Tür passt. Instruieren Sie Ihr Umfeld, Ihnen auch trotz heftigstem Verlangen, Bitten und Flehen keine weiteren Tabletten zu geben.

Gegenanzeige
Es kann trotz der Einnahme des Medikaments zu Untergangsstimmung kommen. Dies liegt daran, dass wir mit absoluter Sicherheit alle sterben werden. Wenn Sie durch diese Information nun in tiefe Melancholie fallen oder Frustration und Angst sich breit machen… willkommen im Club!
Sollte sich nach 4 Wochen keine Besserung einstellen, helfen nur noch Turnschuhe, Turnschuhe und nochmals Turnschuhe… Warum? Um weit, weit weg zu laufen…

Gute Besserung!

Achim Leufker
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11

Zeit sich zu verändern

Es ist Zeit sich zu verändern
ihre Hand streicht durch ihr Haar
sie sieht ihrem Kaffee beim Kaltwerden zu
und denkt: all dies war schon immer da

und sie denkt: seit zwanzig Jahren
Kaffee Tag für Tag
eigentlich seltsam
wo ich das Zeug doch gar nicht so sehr mag

nebenan hört sie die Kinder
ihre Hand streicht durch ihr Haar
sie sieht ihrem Kaffee beim Kaltwerden zu
Tag für Tag, Jahr für Jahr

es ist Zeit sich zu verändern
sie hört ihn bei der Tür ihren Namen rufen
kippt den Kaffee ins Abwaschbecken
und der Regen trommelt leise
gegen die Fenster

Robert Martschinke
aus: Luftruinen-Ausgabe 10, Winter 2010/11